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AND HER DANCING AND HER LAUGHING.

Wie Erinnerung riecht.March 1st, 2010

Hinter der Tanne lugt er hervor. Er ist rund. Er ist perfekt.

Es heißt, wenn man ganz nahe an etwas heran geht, wird es noch schöner. Aber es wird auch wunderlicher, detailreicher.

Der Mond zieht mich magisch an an diesen Tagen. Mich fasziniert, wie weit er weg ist und trotzdem so wunderschön hell strahlt. Da habe ich das Fernglas aus meiner Fotokiste geholt. Es ist ein ziemlich gutes. Schwer. Und es gehörte meinem Opa. Meine Oma hat es mir kurz nach seinem Tod geschenkt.

Wenn ich es aus der ledernen Tasche hole, die innen behutsam mit weinrotem Samt ausgekleidet ist, vorsichtig die Kappen abnehme, und im selben Moment dieser Duft aufsteigt, dieser Duft von Altem, von Gutem, von den guten Tagen, wenn diese Erinnerungen hochkommen an die Spaziergänge mit ihm durch den Wald. Es sind mittlerweile nur noch Bruchstücke der Erinnerung davon geblieben. Aber der Mensch vergisst nunmal, und ich war sehr jung, aber ich werde niemals seinen Wissensdurst und seine Güte vergessen, seine mäßige Strenge, seine Geschichten, die er sich mit so viel Begeisterung und Erfindungsgeist ausdachte, um uns in den Schlaf zu tragen, klein wie wir waren.

Er war einfach der beste Opa der Welt.

Wenn ich durch das Fernglas sehe, erscheint die Oberfläche des Mondes scharf wie eine Messerkante. Ich erkenne die Krater, die Wüsten, erkenne Konturen. Für mich ist der Mond perfekt. Ich denke an die Astronauten, die täglich einige Bilder aus dem All in ihrem Twitter-Stream zeigen. Wie unglaublich weit entfernt sie doch sind! Und erscheinen doch so nah, ich schaue die Satellitenbilder und fühle mich ihnen verbunden. So wie jetzt mit dem Mond.

Ich werde nie vergessen, wie ich in der Grundschule ohne Unterlass Sternkarten untersucht habe und dann am Himmel die Sternbilder versucht habe zu erkennen, jedes Astronomie-Buch unserer Stadtbücherei verschlungen und Abend für Abend einfach nur stundenlang in den Himmel gestarrt habe, bis mir der Nacken wehtat und meine Mutter mich zum Schlafen schickte. Wie ich mehrere Male mit Freunden nachts auf dem Feld übernachtete, um die Sternschnuppenschauer der Perseiden und Leoniden zu sehen. (Und ich werde den Teufel tun, meine verrückte Abenteuerlust abzulegen, das sei gesagt!)

Und wie mir die Arbeitsamtmitarbeiterin beim Berufsinformationstag sagte, ich bräuchte eine 1 in Mathe und Physik, um Astronomie zu studieren. Und mir der Mitarbeiter in der Sternwarte in unserem Ort mit einem Augenzwinkern zu verstehen gab, dass Astronom der schönste Job der Welt ist, aber leider nicht der lukrativste, und aussterbend zugleich. Denn die Maschinen übernehmen mehr und mehr die ganze Arbeit.

Und eine Welt in mir zerbrach. Denn damals habe ich das geglaubt. Habe geglaubt, dass es Grenzen gibt. Heute weiß ich es besser.

Tief in mir bin ich immer noch die Wissenschaftlerin. So wie mein Opa immer neugierig und auf Entdeckungslust die Welt erforscht hat. Und versucht hat, jedem von uns Kindern etwas davon mitzugeben. Zumindest möchte ich das glauben. Er hat es jedenfalls geschafft.

Ab und an finde ich die Zeit, raus in die Natur zu gehen. Dann sehe ich in den Himmel, beobachte die Vögel, und sehe die Würmer kriechen, den Wind durch die Felder fahren, die Wolken in die Ferne ziehen und schöne Formationen bilden. Dann überkommt mich ein innerer Frieden.

Opa: Diese Worte sind für dich. Und danke für alles.

imagepostMarch 1st, 2010 imagetime22:47

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