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AND HER DANCING AND HER LAUGHING.

Einfach springen.February 15th, 2010

In meinem Feedreader befindet sich auch das Blog von David Gillespie, ein australischer Musiker der in Canada lebt. Er arbeitet, soweit ich weiß, auch im Bereich Social Media, Webdesign und Advertising und dem Rest und hat daher ein gutes Gespür für die Arbeitswelt eines kreativen Menschen.

Jetzt bin ich gestern über diesen Post von ihm gestolpert: “The Devil You Know May Be Holding You Back”.

Darin rezitiert David einen Blogpost von Bijan Sabet, einem Teilhaber eines Unternehmens das in neue Startups investiert. Darin berichtet besagter Bijan von einem Treffen mit einem Firmenchef, der ihm bei einem Drink erzählt, dass er sein Leben lang immer nur mit bekannten und erfolgreichen Firmen zusammengearbeitet hat und niemals mit Startups (also Unternehmen, die sehr jung sind und sich noch nicht richtig bewährt haben, Erklärung hier). Ich teile Bijan’s Reaktion auf diese Aussage, dass das Nichtergreifen einer Chance zur Zusammenarbeit mit einem noch nicht auf dem Markt bewährten Unternehmen zugleich bedeutet, dass man sich vor allem verwehrt, dessen Ausgang man nicht kennt. Denn kann man nicht trotz aller Absicherung im Beruf nicht auch mal den Sprung in das Unbekannte wagen?

Mich hat dieser Blogpost stark angesprochen. Denn er erinnert mich an meine ersten Berufserfahrungen.

Ich war nie jemand, der den einfachen Weg wählt. Bereits zu Oberstufenzeiten hatte ich neben meinem liebsten Hobby Webdesign so dermaßen viele Interessen, dass ich manchmal garnicht wusste, was ich zuerst machen sollte. Mir gefiel schon immer der Gedanke, etwas Unbekanntes kennenzulernen, es auszuschöpfen und mein persönliches Glück daraus zu ziehen. Egal, wie das Endergebnis aussieht.

Die daraus resultierenden Berufswunschsfindungsprobleme waren vorprogrammiert. Die Berufsberaterin im Gymnasium verzweifelte an mir: “Hier kommen Mädchen rein die Jura studieren wollen oder Medizin oder Bürokauffrau, und Sie erzählen mir dass sie sich für alles interessieren? Und dass Sie wissen, was Sie nicht werden möchten, aber nicht, was Sie mal beruflich machen möchten?”

Ich war ziemlich enttäuscht von der Frau. Ich war nicht so blauäugig zu erwarten dass sie mir eine klare, wegweisende Antwort gibt. Aber ich hatte doch zumindest mehr psychologische Kompetenz erwartet. Nunja.

Mir wurde von diversen Seiten nahegelegt, mich doch ‘für irgendetwas einzuschreiben’, die Begeisterung würde schon kommen. Ich war gut in Literatur, las sehr viel, ich hatte Interesse an Kunst, Theater, Journalismus, Sprachen und Naturwissenschaften – kurz: Mir hätte wohl alles gefallen. Zumindest am Anfang.

Doch das wollte ich nicht. Während meine Mitabiturienten schon sehr entschlossen auf ihren Studienplatz hinarbeiteten, verzweifelte ich ein wenig. Ich interessierte mich zu dem Zeitpunkt (und schon lange davor) auch sehr für das Meer und die zugrundeliegende Wissenschaft. Wenn ich nicht gerade Jamie Oliver-Sendungen oder Einrichtungsdokus verschlang, sah ich rund um die Uhr Terranova, einen Naturdoku-Sender, den es leider heute nicht mehr gibt. Irgendwann ging mir dann auch ein Licht auf. Ich fand etwas heraus, das ich bis zu diesem Zeitpunkt noch garnicht wusste: Meeresbiologie kann man studieren! Ich also im Internet alles recherchiert. Biologie sollte es sein.

Folgerichtig entschied ich mich dann auch für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr, das mich in meinem Berufswunsch später noch bestärken sollte. Doch die Ernüchterung kam, als ich nach Beendigung des FÖJ keinen Studienplatz bekam. Ein 3,0er-Abi war einfach nicht ausreichend, trotz zwei Wartesemestern. Ich war am Boden zerstört. Was nun?

Mein Bruder würde zu dieser Zeit einen Satz sagen, den ich 1) nie vergessen werde, weil er mich wirklich vortrefflich beschrieb und der sich 2) als die absolute Wahrheit herausstellen würde: “Du bist jemand, der praktisch arbeitet, du gehörst nicht in ein theoretisches Studium, du brauchst was wo du die Ergebnisse und Erfolge sofort siehst.”

Ich war also kurz davor, mich über Ausbildungen zu informieren, als eines Tages, an einem Mittwoch, ein Anruf kam. Aus Kiel. Ich hätte einen der umkämpften Nachrückplätze an der CAU Kiel für Biologie auf Diplom ergattert. Das Semester liefe schon etwa 20 Tage, aber das sei kein Problem. Voraussetzung sei, dass ich mich bis Freitagmittag in Kiel einschreiben würde.

BÄÄM. Da war es also, das reale Leben! Schlagartig wurden mir Dinge bewusst. Ich stellte mir nur eine Frage: Konnte ich wirklich gehen? Einfach so? Unzählige Telefonate mit meinem Vater, meinen Geschwistern und Freunden sowie der Krankenkasse (zwecks Bescheinigung für die Einschreibung) später sagte ich mit klopfendem Herzen zu. Ich wusste so ungefähr wo Kiel lag (nämlich 6 Autostunden entfernt!), war aber noch niemals da gewesen. Ich würde in das absolut Unbekannte fahren.

Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde. Ich war schlecht in Mathe und Physik, Grundvoraussetzung für das Studium, ich kannte niemanden, ich wusste nicht wo ich wohnen sollte, ich hatte eine unfassbar große Angst vor dem Versagen. Aber ich war mutig, guter Dinge und neugierig auf den neuen Lebensabschnitt. Die kritischen Stimmen derer, die mich gewarnt hatten, die mir eine Ausbildung empfohlen hatten, die mich nicht gehen lassen wollten – aus dem Sinn. Ich wollte dieses Abenteuer beginnen. Ich hatte ja nichts zu verlieren! Zugegeben, der Zeitrahmen, in dem ich in Kiel ein neues Leben aufbauen sollte, war knapp abgesteckt. Aber ich war zu aufgeregt um all das zu erfassen.

Was soll ich sagen? Ich bin ins Unbekannte gefahren, aber ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe mir mit knapp 20 ein Leben in einer weit entfernten Stadt aufgebaut, habe Freunde gefunden, die Uni lieben und hassen gelernt, Orte entdeckt, mich entdeckt, neue Hobbys gefunden, schöne und schlimme Momente erlebt, musste kämpfen, musste lernen was es heißt Finanzen zu verwalten und Bürokratie zu überwinden, habe so viel Spannendes gesehen, gehört und gefühlt, war mittendrin in der Biologie, habe mich auf Exkursionen bei 30 Grad im Schatten durch Sümpfe gekämpft, Frösche seziert und DNS analysiert, mich in Vorlesungen gelangweilt und bin in Klausuren verzweifelt. Ich habe mein Bestes gegeben. Die Freude an all dem hat mich erfüllt.

Und trotzdem bin ich jetzt heute hier, zurück in meiner Heimatstadt. Trotzdem mache ich genau die Ausbildung, die mir mein Bruder schon 2 Jahre vor dem Studium nahegelegt hat, und zwar eine, die artenfremder zu Biologie garnicht sein könnte. Und trotzdem liebe ich das, was ich tue, hier und jetzt.

Manche könnten die Zeit in Kiel als verlorene Zeit abtun. Könnten mir vorhalten, von vornherein gewusst zu haben, dass ich es nicht schaffe.
All das, was ich in meinem Studienfach so eifrig gelernt habe wird niemals einen Beitrag zu dem leisten, was ich jetzt beruflich tue. Alleine der Aufwand, die unzähligen Bewerbungen zu schreiben um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, machte den hart erarbeiteten Wissensstand in meinem Fach zunichte. Ich hatte schon so viel gelernt und müsste nun wieder bei Null beginnen.

Doch das hier war von Anfang an mein Weg, und die größte Entwicklung in meinem so jungen Leben habe ich in genau dieser Zeit in Kiel durchgemacht, ich bin erwachsen geworden, oftmals zu meinem eigenen Missfallen. Aber all das was ich jetzt bin und weiß hat mir dieser Sprung ins Unbekannte beschert. Es ist das Beste, was ich jemals getan habe. Und ich würde es immer, immer wieder tun. Jedes Mal.

Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass man immer wieder von vorne beginnen muss, um sich weiterzuentwickeln. Man muss sich der Angst in den Weg stellen, man muss kritisch sein und realistisch, aber man sollte die Angst vor dem Unbekannten, vor einem möglichen Versagen am Ende nicht vorherrschen lassen. Ich tappe in letzter Zeit wieder öfter in die Falle, dass ich vor Neuem zurückschrecke, das mir unheimliche Angst einjagt. Vielleicht sollte ich mir mal wieder in Erinnerung rufen, wieviel ich in dieser Zeit in Kiel geleistet habe, und dass die Dinge, vor denen ich jetzt Angst habe, viel weniger Kraft und Aufwand kosten als sich ein völlig neues Leben aufzubauen und das alte, heimelige, sorgenfreie zurückzulassen.

Ich kenne so viele Beispiele, wo die Person sich ihr Leben wunderbar zurechtgelegt hatte, den Plan zielstrebig verfolgte – und jetzt ein völlig anderes Leben lebt. Ich kenne so viele Menschen, die selbst am Ende ihrer Ausbildung die Chance auf etwas völlig anderes ergreifen, ohne zurückzusehen. Denn erstens nimmt man immer etwas mit; nichts ist verloren! Und zweitens sollte man immer nur das tun, was einen glücklich macht.

So ein bisschen wie aus dem Film Elizabethtown: “Wenn es das nicht ist, ist es etwas anderes.”

Oder, wie Bijan so schön in seinem Blogpost sagt:

“(…) the outcome is rarely ever known. (…) Even if it didn’t work out in that specific instance they were better for leaving behind that safe cozy place.”

Word!

Source: “The devil you know may be holding you back” by Bijan Sabet

imagepostFebruary 15th, 2010 imagetime01:49

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