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AND HER DANCING AND HER LAUGHING.

I am the sea. (Heute bin ich glücklich)June 22nd, 2007

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Es ist nicht so dass man sagen könnte dass ich niemals glücklich war. Aber Glück definiert sich über viele verschiedene Faktoren, und wenn die alle unbewusst in einem Moment zusammen treffen, ist man glücklich.

Als ich vor einigen Stunden auf dem Oberdeck der FS Alkor stand, mir der Wind durchs Gesicht wehte, das Schiff leicht in der Dünung schaukelte und sich vor mir nichts geringeres eröffnete als das Meer, in Form der sich weitenden Kieler Förde, da war alles irgendwie klar. Da war ich irgendwie zu Hause. Da war ich glücklich.

All die Ängste, die ich vorher noch hatte, womöglich tief enttäuscht von dem “Open Ship” herunterzugehen, bewahrheiteten sich nicht. Im Gegenteil, der stille Beobachter der ich bin graste ich alle Ecken nach Nahrung ab: nach Wissen. Vorne an Deck waren kleine Becken mit Meeresbwohnern aufgebaut, Wannen mit Seesternen und Krebsen, die von den Kindern umlagert waren. Still stand ich dabei und hörte zu, wie die Wissenschaftlerin Details erzählte, von denen ich das meiste noch aus dem ersten Semester wusste. Auch innen waren diverse Forschungsstationen aufgebaut, biologisch gesehen eher das Niveau der Kinder; wer schonmal einen Seestern auseinanderpräpariert hat betrachtet das Ganze eher mit anderen Augen. Trotzdem ließ ich mich durch alle Ecken des Schiffes treiben, fragte hier ein bisschen und guckte da ein bisschen, bis ich schließlich oben an Deck stand.

Es war fast, als wusste ich, dass ich vielleicht bald für einige Zeit an Bord dieses Schiffes verbringen würde. Oder an Bord eines anderen. Ich weiß nur dass ich da stand und glücklich war. Verdammt glücklich. Es schaukelte, aber ich stand da und genoss die Weite. Das Wasser von oben zu betrachten ist etwas anderes als es in der Waage anzuschauen, genauso wie es kein bisschen dem Leben unter der Wasseroberfläche ähnelt. Es von oben zu betrachten gibt einem dieses Gefühl von Sicherheit. Man sieht alles, hat die Kontrolle, fühlt sich geborgen. Der Wind umhüllt den Körper als Teil des Ganzen, und man verliert allmählich diese Rastlosigkeit, die man noch erlebt, wenn man nur Zuschauer von der Kaimauer aus ist. Dort nämlich kann man nur erahnen, ist weder in noch außerhalb der Materie, sieht eine dunkle, geometrisch und physikalisch zerfetzte, sich ständig verändernde Oberfläche. Man steht auf der Schwelle zu etwas Großartigem, Wunderbaren und Faszinierenden und kann es dennoch nicht berühren.

Man ist erst die See, wenn sie einen vollständig umgibt. Alles andere ist nichts Halbes und nichts Ganzes.

Richtig geschwankt hat es dann auf dem Laborboot, das innerhalb der Förde unterwegs ist und zuletzt den Fördeboden eingehend untersucht hat, der wegen der starken Algenblüte im Frühjahr von Schwefelbakterien übersät ist, was ebenfalls für warmes Fördewasser spricht. Mit dem Unterwasser-Kameraarm steuerte der Wissenschaftler an Bord über den Fördeboden hinweg und erklärte die Gegebenheiten. Wir entdeckten auch einen Seestern, der gerade seinen Magen über eine Miesmuschel gestülpt hatte.

Ich weiß nicht wie lang ich an Bord der beiden Schiffe war, ich vergaß die Zeit. Aber das, was ich gesehen habe, gefällt mir, denn es entspricht dem Bild, das meinem Kopf entsprungen ist ohne jedes Detail zu kennen.

Letztenendes wurde mir an Bord klar, dass Meeresbiologe zu sein ein absolutes Abenteuer ist. Für mich ist die Fahrt mit der Fähre nach Laboe schon ein Erlebnis, der Besuch eines Aquariums raubt mir den Atem (v.a. das Multimar Wattforum in Tönning und das Aquarium in Barcelona) – wie wird es dann erst sein tatsächlich auf hoher See zu sein, Proben zu nehmen, zu beobachten, zu forschen?

Im Konflikt zwischen Meeresbio und Humanbiologie/-medizin hatte ich fast vergessen warum ich mich immer wieder für Meeresbio entscheiden würde: Weil ich es für meinen Opa tue. Er hat mit seinen Erzählungen und den unendlich vielen Spaziergängen durch die Natur den Grundstein gelegt. Außerdem: Was nützt ein gesunder Mensch, wenn die Natur völlig zerstört ist? Ich möchte meinem Opa, der leider viel zu früh gestorben ist, etwas zurückgeben. Ich weiß, wenn er jetzt hier wäre, wir würden am Kai sitzen, mit baumelnden Füßen, und würden erzählen, über das Meer, über das Leben, über die Dinge, die wirklich wichtig sind.

“Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren.”
Vincent van Gogh (mit einem lieben Gruß an meine Oma)

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